Wie wird man eigentlich … KLAVIERBAUER?

Klavierbauer oder Klavierrestaurator ist ein inzwischen sehr seltener Beruf, der womöglich leider bald aussterben wird.

Wir haben Klavierexperten Gert Hecher, der sogar Beethovens persönliches Hammerklavier restauriert hat, in seinem Klavieratelier in Wien Ottakring getroffen und ihn über sein Handwerk und seinen Werdegang befragt. Ein Video-Interview, wo er genauer auf die Restaurierung dieses Klavieres für das Beethovenhaus Baden eingeht finden Sie auf fidelio.

Was ist ihre genaue Berufsbezeichnung und wie würden Sie das in kurzen Worten beschreiben?

Ich bin Klavierbauer und habe vor 19 Jahren die Meisterprüfung abgelegt. Von Anfang an habe ich mich jedoch auf die Restaurierung historischer Klaviere spezialisiert; das heißt, ich spezialisiere mich hauptsächlich auf Instrumente aus dem 19. Jahrhundert und habe das große Glück gehabt, auch Instrumente sehr bedeutender Musiker restaurieren zu dürfen, unter anderem Beethoven, den Flügel von Leoš Janáček, einen Flügel, auf dem Brahms sehr viel gespielt hat, den persönlichen Flügel von Wilhelm Kinzel, einen Flügel von Franz Lehár usw.

Wie kommt man zu so einem Beruf?

Ich habe eigentlich einen vollkommen anderen Werdegang gehabt. Ich war eigentlich Musiker. Ich habe Klavier studiert an der damaligen Musikhochschule und hatte aber seit meiner Kindheit eine Leidenschaft für historische Klaviere und bin dann auch durch den Kauf eines Hammerflügels als Student in die ganze Tätigkeit hineingerutscht und habe es bei zwei Meistern ihres Faches sozusagen als Externer gelernt. Es war viel learning by doing und habe das ganze durch die Meisterprüfung finalisiert.

Ist es ein Lehrberuf?

Eigentlich ist es ein Lehrberuf, wobei ich immer mehr feststelle, dass im Kunsthandwerk sehr viele Quereinsteiger arbeiten, die aus Leidenschaft dazu kommen. Das ist eine sehr große Motivation.

Wie ist der genaue Verlauf im Ausbildungsweg?

Normalerweise macht man 3 1/2 Jahre eine Lehre im Klavierbau und dann macht man die Gesellenprüfung und dann braucht man nochmal 3 Jahre für die Meisterprüfung – also ich bin als Quereinsteiger damals direkt zur Meisterprüfung gekommen.

Gab es Schlüsselmomente in der Kindheit oder in der Jugend, die Sie zum Klavier gebracht haben?

Ja mehrere. In den 70er Jahren gab es eine Sendung mit Jörg Demus und Paul Badura-Skoda, die alle Beethoven Sonaten vorgestellt hatten im Fernsehen – und dann zum Teil dann eben auch Originalinstrumente verwendet haben. Dadurch habe ich auch Aufnahmen mit Originalinstrumenten gehört. Es gibt ein Instrument, das mich besonders inspiriert hat: Es steht in der Beethoven-Gedenkstätte in Heiligenstadt und ist ein Hammerflügel von Nanette Streicher, der mich immer sehr fasziniert hat. Das sind so Visionen der Kindheit oder Jugend, die einen voran treiben. Sie kennen die berühmte Geschichte Citizen Kane, wo es dann der Schlitten war, nachdem dieser Mann sich permanent zurück gesehnt hat.

Was wären Sie geworden wenn Sie nicht in diese Richtung gegangen wären?

Kammermusiker und Liedpianist.

Was sind die Herausforderungen in Ihrem Beruf?

Die Herausforderungen sind generell, dass das Interesse stark abnimmt durch das Wegbrechen der bürgerlichen Gesellschaft. Der Mittelstand ist ja am absteigenden Ast im Moment; das heißt, das Interesse der Leute an Klavieren und besonders an älteren Klavieren nimmt doch etwas ab. Beruflich gesehen muss man extrem vielseitig informiert und gebildet sein, wenn man historische Klaviere restauriert. Man muss sich mit den historischen Materialien und mit der Musik auskennen. Man muss bei jedem Objekt entscheiden, wie weit man gehen soll, wie weit man Dinge ersetzt und wie weit man mit den Originalmaterialien arbeiten kann. Das sind sehr tiefgehende Entscheidungen, denn jedes Angreifen eines Instrumentes, wie das in einer Restaurierung passiert, bedeutet auch eine Veränderung. Es gibt Museumsleute, die sagen, man dürfe nichts angreifen und verändern. Das ist also die ganz große Herausforderung, wenn es darum geht, so ein Instrument zu beurteilen.

Wie sieht ein normaler Arbeitsalltag aus?

Es hängt meistens ab, was man gerade macht. Wir haben manchmal Objekte mit 500 bis 600 Stunden Arbeitszeit – das erstreckt sich dann sowieso über Monate – also dieser Graf-Flügel hatte auch mehrere 100 Stunden Arbeit und da ist man dann auch wirklich sehr intensiv beschäftigt, auch mit Recherche und anderen Belangen – es dauert alles seine Zeit.

Was genau recherchiert man da?

Wenn z.B. Originalteile fehlen, muss man herausfinden, wie die ausgesehen haben, das heißt, man tut das anhand von möglichst zeitnahen Vergleichsinstrumenten des selben Klavierbauers.

Bauen Sie diese Teile selber nach?

Ja, da man nichts nachkaufen kann. Man muss in diesem Fall auch handwerklich at the top sein – alles das, was der Klavierbauer damals gemacht hat, muss man in der Lage sein nachzubauen. Wir haben auch eine riesige Sammlung Materialien aus dem 19. Jahrhundert, weil wir Instrumente, die einfach nicht mehr zu retten waren, dann als Materialspender geopfert haben – und das schafft die Möglichkeit, Teile mit altem Holz nachzubauen – quasi Organspender. Alte Filze, Tuche, Leder. Vor allem beim Leder ist das schon fein, weil es das Leder in der Qualität nicht mehr gibt heute. Diese Gerbverfahren, wie sie früher für Hammerleder notwendig waren, sind sehr zeitraubend und anstrengend; das tut sich heutzutage keiner mehr an, denn es wird alles chemisch innerhalb ein paar Stunden gegerbt. Die Gerbung eines Leders, wie man es für Klavierhämmer verwendet hat, hat Tage gebraucht und war schwere körperliche Arbeit, man musste Holzstücke schlagen – eine sehr unangenehme Arbeit, die auch nicht besonders gut riecht.

Haben Sie auch ein Lieblingsklavier?

Ja, ich hab eindeutig eine ganz, ganz große Präferenz und zwar sind das die Instrumente der Firma Streicher. Die haben den Klang, der mich am meisten berührt und verzaubert. Ich dürfte die größte Sammlung an Streicher-Flügeln weltweit haben. Ich hab ca 20 bis 25.

Wie viel ist so ein Klavier wert?

Das kommt immer ganz drauf an. Wenn man von einem restaurierten Zustand ausgeht, dann kann man sagen, ein sehr frühes aus dem 19. Jahrhundert vielleicht 100.000 und ein ganz spätes aus dem 19.Jahrhundert vielleicht 10.000. Je jünger desto weniger Wert leider. Die Wertschätzung für diese späteren Instrumente wird hoffentlich noch kommen, aber ob ich das noch erlebe, weiß ich nicht.

Vielen Dank, Herr Hecher für das nette Gespräch!

Ihre Leonore

Redaktion: Victoria Welley und Nina Streit
Fotos: Nina Streit
Blauer Raum voller Klaviere in Hechers KLavierateliere. Foto von Nina Streit
Gert Hechers Klavieratelier
Gert Hechers Lieblingsflügel: ein Streicher-Flügel
Gert Hechers Lieblingsflügel: ein Streicher-Flügel
Klavierrestaurator Gert Hecher Foto von Nina Streit
Klavierrestaurator Gert Hecher
Klavierwerkstatt mit Utensilien
In seiner Klavierwerkstatt
Werkzeug

 

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