Wie wird man eigentlich DRAMATURG?

Was macht ein Dramaturg eigentlich und wie schlägt man diesen Karriereweg ein? Wer könnte diese Frage besser beantworten als Chefdramaturg der Wiener Volksoper Christoph Wagner-Trenkwitz? Wir haben ihn in seinem Büro darüber befragt.

Berufswunsch Dramaturg – Wie kam es dazu?

Also ich kann nicht sagen, dass Dramaturgie jemals mein Berufswunsch war weil ich als Jüngling noch gar nicht so genau wusste was das ist – und ich glaube das hatte ich gemeinsam mit sehr vielen Leuten, denen nicht ganz klar ist, was ein Dramaturg eigentlich tut. Der Wunsch zum Theater zu gehen, der ist sehr alt, also bin ich in vielen verschiedenen Funktionen und Tätigkeiten diesem Wunsch nachgekommen und ich glaube alle diese Beschäftigungen – sei es jetzt Kulissen schieben, Theaterspielen oder Programmhefte schreiben haben sehr geholfen, um meine Kenntnis vom Theater zu erhöhen. Denn eines ist unbestritten: ein Dramaturg sollte sich im Theater auskennen.

Zu meiner Zeit hat man das auch noch nicht studieren können. Heute gibt es ja Lehrgänge und Studienrichtungen und alles mögliche. Ich glaube, dass sich dieser Beruf erst in den letzten 20 – 30 Jahren so richtig entwickelt hat. In den 70er Jahren wusste man kaum, was ein Dramaturg eigentlich tut;  es hat Presse- oder Öffentlichkeitsbeauftragte gegeben und Regisseure. Die zentrale Aufgabe eines Dramaturgen ist die Vermittlung zwischen Direktion, Bühne, Regie und musikalischer Leitung.

Der Begriff Dramaturg ist ja besonders vielseitig – kann man diese Definition überhaupt eingrenzen?

Das kann man natürlich. Etwas wichtiges zu sagen ist, dass der Dramaturg niemals sagen kann „dafür bin ich nicht zuständig“. Gerade in großen Betrieben sind oft Leute sehr beruhigt, wenn sie sagen können, das geht mich nichts an – bitte wende dich an jemand anderen. Der Dramaturg ist der, bei dem sich alles ein bisschen sammelt. Aber natürlich hat er definierbare Aufgaben – also nicht nur das, was übrig bleibt oder keiner machen will.

Jeder und jede weiß wahrscheinlich, dass ein Dramaturg Programmhefte macht – aber das Programmheft für den Dramaturgen ist so etwas wie der Einlauf ins Stadion bei einem Marathonläufer. Also wenn der Marathonläufer die letzte Runde vor Publikum macht, dann hat er schon eine enorme Distanz hinter sich gebracht und so ist das auch beim Dramaturgen. Die Arbeit beginnt und endet nicht beim Programmheft, sondern beginnt eigentlich schon in der Planung – das heißt Hilfe, Beratung und Mitarbeit bei der Planung – einfach bei der Definition eines Spielplans – was könnten, sollten wir spielen und in welcher Fassung, was für ein Leading Team? Da ist der Dramaturg schon als erstes gefordert. Dann werden Entscheidungen gefällt.

Und das passiert in Zusammenhang mit dem künstlerischen Betriebsbüro (KBB) und Direktion?

Der Direktor entscheidet, was gespielt wird. Das KBB macht die aktuelle Planung und sorgt dafür, dass alle zur rechten Zeit am rechten Ort sind und zwar täglich bei jeder Probe etc. Der Dramaturg betreut dann die Produktion und entwickelt im Idealfall auch schon mit dem Regisseur ein Konzept, einen Rahmen, eine Textfassung, eine musikalische Fassung. Das ist natürlich ganz wichtig – kaum ein Stück spielt man einfach so vom Blatt. Bei einem Fliegenden Holländer jetzt vielleicht nicht, aber z.B. bei einer Zauberflöte, wo man sich denkt, das spielt man aus dem Büchl, sind die große Fragen: Wie gestalten wir eigentlich die Dialoge? Wollen wir wirklich alle Dialoge sprechen? Wollen wir genau die sprechen? Will man da was ändern? Hat sich unser Bild geändert? Ich sag’s provokant – im Zauberflöten-Deutsch „weil ein Schwarzer hässlich ist“. In Bezug auf Mohr und Sklaven hat sich unser Bild daraufhin in den letzten 200 Jahren sehr geändert, also muss man in den Dialog eingreifen oder vielleicht auch in die Abfolge der Stücke. Ein vernünftiger Stückablauf, ein verständlicher, nachvollziehbarer – das ist ein dramaturgisch richtiger.

Ein wichtiges Element ist wie bereits erwähnt die Vermittlung an das Publikum. Da gehört das Programmheft natürlich dazu, es gehören alle möglichen Einführungen und Vorträge in allen möglichen Medien dazu. Kurzeinführungen knapp vor der Vorstellung oder auch Einführungsmatineen an der Staatsoper – auch das ist alles Dramaturgenarbeit.

Gibt es bestimmte Eigenschaften die ein Dramaturg auf jeden Fall haben muss?

Naja sehr blöd darf er nicht sein (lacht). Eine Basisintelligenz und eine allgemeine Bildung sollte schon vorhanden sein. Auch ein gängiger Umgang mit den Theatersprachen Deutsch, Englisch, Italienisch hilft. Es hilft eine gewisse musikalische Vorbildung; also wenn man gar keine Noten lesen kann, hat man es sehr schwer als Musikdramaturg. Sich nicht in den Vordergrund zu spielen ist auch ein Vorteil. Man muss zwischen den verschiedenen Elementen einer Produktion oft vermitteln, dass wenn der Regisseur ein Missverständnis oder eine Meinungsverschiedenheit mit dem Dirigenten hat oder wenn sich ein Sänger, eine Sängerin nicht wohl fühlt aus einem bestimmten Grund oder man merkt, es läuft irgendwie aus dem Ruder, da muss man, jetzt nicht um sich selber darzustellen, sondern um die Produktion eben zusammenzuhalten, immer wieder mal was helfen.

Seit wann sind Sie an der Volksoper?

An der Volksoper bin ich seit dem Jahr 2003. 1993 bin ich an die Staatsoper gekommen – dort war ich bis 2001, also achteinhalb Jahre – fünf davon als Chefdramaturg – und an die Volksoper bin ich zunächst nicht als Dramaturg, sondern als künstlerische Koordination – bin aber seit 2009 also auch schon seit 10 Jahren Chefdramaturg.

Wie sieht ein „normaler“ Arbeitstag im Leben eines Dramaturgen aus?

Mit dem Wort normal würde ich im Theater überhaupt sparsam umgehen. Es ist oft unspektakulärer als man denkt. Man kommt in der Früh ins Büro, dreht seinen Computer auf und beantwortet Mails. Eh was alle anderen Leute in Bürojobs so machen – aber unter diesen Mails kann dann auch eine Beschwerde über ein Stück sein, die beim Dramaturgen landet. Am Nachmittag und abends gibt es Proben. Wir sind hier zu zweit am Haus und man betreut immer abwechselnd ein Stück – man ist auch nicht auf jeder Probe. Das würde sich gar nicht ausgehen, dass man 6 Stunden am Tag mit Probenbesuchen zubringt. Wir sind auch ein bisschen die Schreibmaschinen eines Theaters. Wenn man irgendeinen kurzen Text fürs Internet oder einen längeren für die Theaterzeitung oder Programmheft braucht, schreiben wir diese. Auch Übertitel macht der Dramaturg – das ist auch wieder das schöne – das die Tage immer anders anstrengend verlaufen – als Empfehlung wenn man sich auf geregelte Zeiten 9 – 5 freut, dann sollte man gar nicht im Theater arbeiten. Grad der Dramaturg, der sich dann im Haus, aber auch außerhalb des Hauses oder Landes Produktionen anschauen sollte, der kommt dann nicht pünktlich um 18:00 zum Abendessen nach Hause. Das sollte der Partner verstehen, der sich da ein bisschen mehr Regelmäßigkeit wünscht, aber Regelmäßigkeit oder gar die Garantie, dass man einen freien Abend, ein freies Wochenende oder Feiertage – diese Garantie gibt es nicht.

Was ist das beste an Ihrem Job?

Der Job hat eben viele schöne Facetten! Dass man sich mit dem befassen darf, was einen fasziniert, freut und interessiert, das ist schon ein riesiges Privileg – das haben im Berufsleben relativ wenige Menschen, habe ich das Gefühl. Man darf aber auch keine Illusionen haben, wenn man z.B. ein Opernfreund ist, verliert man schnell diese Begeisterung und an dessen Stelle tritt ein professionelles Interesse. Man ist sicherlich nicht jeden Tag begeistert und schwebt mit roten Backerl durch das aufregende Theater. Es ist ein ziemlich belastender Job, aber auch ein schönes Gefühl, einen gelungenen Abend zu sehen, wo man ein bisschen etwas beigetragen hat.

Was würden Sie jungen Menschen mitgeben, die eine ähnliche Karriere anstreben?

Eine Karriere anstreben ist ein schwieriger Begriff. Man muss sich sicher sein, dass man im Theater leben und für das Theater leben möchte. Das ist, wie ich schon erwähnt habe, nicht immer so prächtig und faszinierend, aber kein Beruf besteht zu 100% aus Vergnügungen und Glücksmomenten. Man darf es nicht als schnurgerade Karriere betrachten. Aber wenn man genügend Begeisterung für das Theater mitbringt und auch bereit ist mit blödsinnigen Sachen anzufangen – auch mein Job als Chefdramaturg besteht zum Teil aus blödsinnigen Sachen – das ist nun mal so. Wichtig ist es, möglichst viel zum Theater aufzusaugen und das beginnt als Publikum! Wenn du merkst, dass das Theater ein spannender Ort für dich ist, dann denkst du auch nicht an Karriere und Ruhm sondern einfach an’s Dabeisein! Man macht, was gerade notwendig ist und wenn gerade eine blöde, aber wichtige Arbeit notwendig ist, dann macht man die. Man kann nicht sagen „dazu bin ich mir aber zu gut ich hab ja einen Bachelor oder Master und will das jetzt nicht machen“. Ein Theater ist ein komplizierter Betrieb, der immer geschmiert werden muss – und der Dramaturg ist ein wichtiges Schmieröl.

Ein Dramaturg darf niemals sagen „Dafür bin ich nicht zuständig“
„Es hilft eine gewisse musikalische Vorbildung…“
„Eine Basisintelligenz und eine allgemeine Bildung sollte schon vorhanden sein.“
Im Büro von Christoph Wagner-Trenkwitz
„Die zentrale Aufgabe eines Dramaturgen ist die Vermittlung zwischen Direktion, Bühne, Regie und musikalischer Leitung.“
„Der Dramaturg ist ein wichtiges Schmieröl.“
Christoph Wagner-Trenkwitz ist Chefdramaturg der Wiener Volksoper

 

Redaktion: Victoria Welley, Nina Streit
Fotos: Nina Streit

 

 

 

 

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