Mit uns wird es nicht still.

Hautnah ist das neue LIVE: Die styriarte-Familie musiziert weiter

„Mit uns wird es nicht still.“ verkündete die styriarte zu Beginn des zweiten Lockdowns, der zwischendurch ein „harter“ war und jetzt wieder ein „leichter“ ist. Die Musik abzusagen, kommt für die styriarte nicht in Frage. Aus diesem Grund wurde ein Musikfilm gedreht, den Sie nun auch auf fidelio sehen können.

Der Musikfilm ist viel mehr als ein Ersatz

Im Stefaniesaal zu Graz spielt das Orchester recreation also weiter. Engmaschige Corona-Tests sorgen für Sicherheit; Mikrofone und Fernsehkameras transportieren die Musik zu den Menschen.

Der Musikfilm ist dabei kein bloßer Ersatz für das schmerzlich vermisste Livekonzert. Er ist ein eigenes Kunstmedium, das uns in vielen Aspekten noch näher ans Geschehen, an die Musiker*innen heranbringt, neue Facetten zeigt. „Hautnah ist das neue Live“, lautet deshalb unser Slogan der Stunde. Filmproduzent Roland Renner von Reziprok liefert dazu die atemberaubenden Bilder – und sein neuestes Werk läuft jetzt auch auf dieser Plattform: Wir haben die ersten zwei Sätze von Nikolai Rimski-Korsakows sinfonischer Dichtung „Scheherazade“ und das zweite Klavierkonzert von Sergei Rachmaninow aufgezeichnet – zwei rauschende Monumente der russischen Spätromantik.

Das Blitzdebüt

Dass es leicht werden würde, hat niemand erwartet. Und was wäre so ein Lockdown-Konzert ohne Extra-Challenge? Eben.

7 Uhr ist es, am Tag vor dem Konzert, als unsere Orchestermanagerin Gertraud Heigl ihre E-Mails checkt. „Ich bin mir zuerst nicht sicher gewesen, ob das ein Traum ist. Ein Alptraum“, sagt sie. War es nicht. Kristina Miller, mit Spannung erwartete Starsolistin für Rachmaninows zweites Klavierkonzert, musste todunglücklich absagen. Sie ist heute mit hohem Fieber aufgewacht. An die Fahrt von Wien nach Graz ist nicht zu denken; an pianistischen Spitzensport à la Rachmaninow schon gar nicht. Ooooh nein. Gute Besserung, liebe Frau Miller! Immerhin ist es kein Corona.

Was tun?

Bange Stunden vergehen, in denen unser aufwändiges Musikfilmprojekt im Stefaniensaal gleichsam in der Luft hängt. 54 Musiker*innen sind da, außerdem Kameraleute, Regie, Toningenieure, Haustechniker, styriarte-Kollegen. Mehr als 150 Corona-Tests (die doppelten mitgezählt) haben wir durchgeführt, kein einziger war positiv. Das darf es nicht gewesen sein.

Die Telefone laufen heiß. Potenzielle Einspringer*innen für einen der höchsten pianistischen Gipfel der Literatur gibt es ungefähr so viele wie Nadeln im Heuhaufen. Ein Wunder muss her.

Ya Chu Ho spielt Feuerwehr

Und das Wunder ereignet sich, in Person einer jungen Pianistin. Sie heißt Ya Chu Ho und studiert in Wien bei einem guten Freund des Hauses styriarte, Christopher Hinterhuber. Sonntagfrüh wird sich Frau Ho, 21 Jahre jung, auf den Weg machen nach Graz. Dann hat sie noch zwei Proben mit dem Orchester, bevor es ans Aufzeichnen geht.

Zwölf Stunden hat die gebürtige Taiwanesin zuvor in Wien noch alleine geübt, wird sie uns verraten. „Es war schon ein bisschen stressig.“ Das Zweite von Rachmaninow hat sie bis dato nur mit Klavierbegleitung gespielt, bei einem Klassenabend. Mit Orchester noch nie. Viel kälter kann das Wasser wohl nicht sein, in das eine junge Künstlerin springt.

Fels in der Brandung

Aber das große Orchester recreation hat das Eiswasser vorgewärmt, mit einer Extra-Probe ohne Klavier. Maestra Chen hat sich eine Aufnahme von Frau Ho schicken lassen. „Jetzt geht es nur noch darum, ein paar schwierige Übergänge gemeinsam zu probieren. Das Orchester wird für unsere Solistin ein Fels in der Brandung sein.“

Gesagt, getan. Unerhört konzentriert verläuft das Kennenlernen am Sonntagvormittag, die Chemie stimmt. Mei-Ann Chen ist nun ganz Pädagogin, eine liebevolle, umsorgende. Sie achtet vor allem auf die delikaten Tempowechsel, die hellhörigen Übergänge zwischen Solo- und Tuttipassagen, diese Drahtseilakte, wo die Pianistin im exponiertesten Virtuosenterrain noch Ohren haben muss für ihre Kolleg*innen – und umgekehrt.

Angerichtet

Es läuft gut, sehr gut sogar; spätestens jetzt haben alle ihren Optimismus wieder. Roland Renners Kamera-Team sucht sich die besten Positionen im Saal; Tonmeister Viktor Seedorf und Kollegen machen ihren Soundcheck; Gertraud geht ihre Partiturskizzen durch. Sie wird Filmregisseur Martin Steffens nach bewährter Art zur Hand gehen, damit er keinen Soloeinsatz verpasst. Es ist angerichtet.

Als es losgeht, sitzt unser Intendant Mathis Huber als einziger Zuhörer im weiten Parkett des Stefaniensaals. Weil besondere Konzerte nach besonderen Applausordnungen verlangen, klatscht das Orchester kurzerhand selbst beim Auftritt seiner Dirigentin. Das klingt nicht ganz so rauschend wie ein voller Saal, aber es kommt von Herzen.

Der Sultan und die Schönheit

Rimski-Korsakows „Scheherazade“ eröffnet den Abend. Die Konzentration ist voll da, sie knistert förmlich, bevor der Sultan mit mächtigen Schritten auftritt, erwidert von der betörenden Scheherazade, die Konzertmeister Harald Martin Winkler verkörpert. Dann gehen die Themen und Charaktere auf die Reise in diesem „Konzert für Orchester“, wie Maestra Chen Rimski-Korsakows Werk bezeichnet hat.

All die konzertierenden Prachtszenen der Bläser, der Harfe, der Streicher, sie sitzen nicht nur solistisch bravourös – sie leben. Schwingen sich ein in den Erzählstrom, den der Komponist gar nicht allzu detailliert programmatisch denken wollte. Das Orchester ist zum spätromantischen Luxusklangkörper geworden in diesen drei Tagen, lässt sich forttragen von elegisch schimmernden Wellen und grell aufgetürmten Tutti-Wogen.

Dann ist Rachmaninows zweites Klavierkonzert dran, dieser Seelengigant, dieser wunderschöne Riese, ein Mount Everest der russischen Spätromantik. Drei Stunden lang hatte Ya Chu Ho Zeit, ihren Pulsschlag mit dem des großen Orchesters recreation in Einklang zu bringen – oder eigentlich umgekehrt. Denn sie ist es jetzt, die den Puls mit den unsterblichen Einleitungsakkorden vorgibt, in Schwung bringt; innig, schimmernd, bestimmt. Sie taucht ein in die große Flut der Streicher, in die delikaten Dialoge mit den Holzbläsern. Maestra Chen, zuvor noch Märchenerzählerin, ist nun sozusagen erste Zuhörerin; andächtig, verzaubert, ansteckend aufmerksam.

Wie eine Große

Ya Chu Ho verblüfft uns ein bisschen mit der lyrischen Qualität ihres Anschlags, der Transzendenz ihrer Arpeggi, der Klarheit ihrer Linien, mit versonnener Ruhe und selbstbewusstem Rubato. Dass sie neben Yuja Wang oder Lang Lang auch reife Meister wie András Schiff zu ihren Vorbildern zählt, leuchtet ein. 

Und die 21-jährige Einspringerin meistert auch die Notenstürme der Ecksätze brillant, gerade im dritten Satz, wo die Luft unglaublich dünn wird, weil Rachmaninow, der komponierende Wundervirtuose, in die großen Bögen seiner genialen Musikarchitektur so ziemlich alles hineinpackt, was es an technischen Herausforderungen gibt. Wer dieses virtuose Feuerwerk kontrollieren kann, so stellen wir uns vor, kann vermutlich auch im Schnürlregen den Tropfen ausweichen, wie eine Biene. Ya Chu Ho gehört zu dieser Kategorie Mensch, und sie hat uns mit ihrem Blitzdebüt geholfen, dieses Musikabenteuer in den Kasten zu bekommen. Damit auch Sie, liebes Publikum, etwas zum Staunen haben.

Fotos und Text: styriarte

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