Leonore erklärt: Das Geheimnis der Punktierung

Die Punktierung einer Note kann zu kleineren bis größeren Streitigkeiten zwischen Dirigenten und Musikwissenschaftlern führen. Aber warum? Ist doch mathematisch genau festgehalten, dass eine Punktierung den Notenwert der betreffenden Note um die Hälfte verlängert.

Kontroverse

Was dem Laien einleuchtet, kann doch für den Profi kein Problem darstellen, oder? Nun ja, ganz so einfach ist die Sache nicht besonders bei Musik des 17., 18. und frühen 19.  Jahrhunderts, also zum Beispiel bei Bach, Mozart und Schubert . Um Ihnen das Problem bewusst zu machen, betrachten sie die Klavierbegleitung vom Anfang des Liedes „Wasserflut“ aus Schuberts „Winterreise“:

"Wasserflut"
Ausschnitt aus Schuberts „Wasserflut“ – Variante 1

Das Lied ist zum einen von einem triolischen zum anderen von einem punktierten Rhythmus geprägt, welche beide gleichzeitig gespielt werden.  Im dritten Takt laufen sogar nur im oberen System beide zusammen. Wenn man hier genau hinsieht erkennt man, dass mathematisch richtig die auf die punktierte Note erklingende Sechzehntel nach der letzten Note der Triole gesetzt ist. Führt man die Begleitung gemäß dieser Notation aus, höre ich also die Triolen-Figur und dann als Nachschlag die Sechzehntel. Soweit so gut. Hören Sie hier das Lied und achten sie auf die Klavierbegleitung, die wie eben erklärt die Sechzehntel als Nachschlag spielt.

Derselbe Ausschnitt nun in einer anderen Ausgabe: Achten Sie auf die Art, wie das Verhältnis von Triole und Punktierung notiert ist.

Ausschnitt aus Schuberts „Wasserflut“ – Variante 2

Diesmal sind (wie besonders gut im dritten Takt zu erkennen) die beiden Noten übereinander notiert. Demnach sollen sie gleichzeitig erklingen, oder? Also nehme ich rhythmisch eine gewöhnliche Triole wahr OHNE Nachschlag.

Auflösung?

Wie hätte nun Schubert sein eigenes Stück gespielt? Mathematisch korrekt ist die erste Version. Schließlich muss es ja einen Unterschied machen ob eine Dreiteilung (Achtel-Triole) oder eine Vierteilung (Sechzehntel) vorliegt. Tatsächlich notiert Schubert die Noten aber exakt und durch das ganze Stück hindurch konsequent übereinander und folgt damit einer üblichen Konvention: Bis in die frühe Romantik hinein war es für die Komponisten üblich frei mit der Punktierung umzugehen: Sie gingen nicht nach der Regel vor, bei der eine  Punktierung die Note um die Hälfte des Notenwertes verlängert. Treffender ist hier wohl diese Regel: Eine Punktierung verlängert eine Note um den Notenwert, den die Musik erfordert.  Dies scheint recht vage und genügt unserem Verlangen nach Exaktheit wohl nicht. Dennoch war es so, darüber ist die Musikwissenschaft sich einig. Es bleibt also nur das genau Studium des Autographen und eine genaue Analyse der musikalischen Struktur um hier zu einer Entscheidung zu gelangen.

Gegenbeispiel

Ein weiteres Beispiel, wobei man zu einem anderen Ergebnis gelangt, ist der berühmte erste Satz von Beethovens Mondscheinsonate.

Ausschnitt aus dem ersten Satz von Beethovens „Mondscheinsonate“

Es handelt sich um dasselbe rhythmische Muster, diesmal wird sie jedoch scharf, also als Nachschlag punktiert. Dies verrät wiederum der Autograph: Die durch die Punktierung entstandene Sechzehntel, ist eindeutig & konsequent nach der Triole notiert. Ein weiterer Unterschied zu Schuberts „Wasserflut“, der auch Aufschluss über die unterschiedliche Ausführung gibt: Bei Schubert ist die Melodie klar von Triolen geprägt, bei Beethoven sind die Triolen reine Begleitung und die Melodie nicht im Mindesten „triolisch“. Hören und sehen sie genau hin, wenn Rudolf Buchbinder auf fidelio die „Mondscheinsonate“ zum Besten gibt.

Sind sie nun restlos verwirrt? Nun aber gehören sie zum Kreis der Wenigen, die um die große Kontroverse der Punktierung wissen und sind damit mitten in der viel diskutierten historischen Aufführungspraxis angekommen. In der klassischen Musik machen die kleinen Dinge oft den großen Unterschied aus.

Ihre Leonore

PS:

  • Mozarts „Zauberflöte“ beginnt mit einer einfachen Punktierung, die jedoch wie eine doppelte ausgeführt wird. Das liegt ebenfalls an der zu Mozarts Zeit üblichen Aufführungspraxis. Hören sie genau hin!
  • In der Romantik wird die Notation bis in die Moderne hinein immer mathematisch exakter, wodurch sich das Problem der Punktierung von selbst löst.
  • Fangen sie keinen Streit mit Musikern an, indem sie die „Wasserflut“ von Schubert erwähnen. In Künstlerkreisen halten sich hartnäckig Gegner der historisch korrekten Angleichung der Punktierung. Versuchen Sie einmal eine Aufnahme zu finden, wo kein „falscher“ Nachschlag zu hören ist!

Ihre Leonore

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