Hector Berlioz: Symphonie fantastique (3/3)

Die Symphonie fantastique war quasi die erste Vorstellung seines eigenen Stils, die erste offizielle Stellungnahme eines Komponisten, der Musikgeschichte schreiben und Paris im Sturm erobern wollte. Berlioz fand hier auch nur einen einzigen angemessenen Weg, nämlich eine neue Gattung zu erfinden. Sein genialer Plan war Gattungen zu verschmelzen und Konventionen zu brechen. Er schuf ein „Instrumentaldrama“, das einer Erklärung in Form eines literarischen Beiwerkes – eines Programmes – bedurfte.

Pariser Musikerziehung

Wir befinden uns im Jahre 1830. Die französische Hauptstadt stand ganz im Zeichen der französischen Opéra und internationale Musik konnte nur schwer bestehen. Das Pariser Publikum kannte musikalische Gattungen wie die Symphonie kaum, da jene traditionell eher im deutschsprachigen Raum beheimatet war. Dies begann sich jedoch zu ändern, als der angesehene Dirigent François-Antoine Habeneck die Beethoven-Symphonien aufführte. Und so wurde in Paris eine Renaissance des deutschen Komponisten und der Symphonie eingeleitet. Um der Gattungsfrage noch etwas weiter nachzugehen, muss man an dieser Stelle auch die „Fantasia“ erwähnen. Der Titel Symphonie fantastique wurde von Berlioz sehr bewusst gewählt. Die Charakteristik des „Fantastischen“ erlaubte Berlioz Freiheit und Unabhängigkeit im musikalischen Sinne – eine Herangehensweise, die beim französischen Publikum der 1830er Jahre bald an ihren Erwartungshorizont stieß.

Dem Liebesdurst Ausdruck verleihen

Für ihn war die Symphonie fantastique der einzige Weg, seine intensiven Empfindungen und blühende Phantasie zu stillen und zu verarbeiten. Grund für diesen „Liebesrausch“ war eine Dame namens Harriet Smithson. Die britische Schauspielerin verzauberte durch ihr Schauspiel der Shakespeare-Dramen ganz Paris und so auch Hector Berlioz. Er erblickte sie zum ersten Mal 1827 in einer Hamlet-Aufführung und dieses Ereignis war von solch großer Intensität, dass sie zum Anlass des epochalen Werkes wurde.

Die Werbestrategie

Berlioz war sich als junger und relativ unbekannter Komponist natürlich bewusst, dass er eine spezielle Werbestrategie brauchte, um den Saal des Conservatoire de Paris für ein derart großes und aufwändiges Stück zu füllen. Da kam ihm schon eine unerwiderte Leidenschaft gerade recht, um das sensationslüsterne Pariser Publikum neugierig zu machen. Denn er beschloss kurzer Hand eine heimliche Affäre mit dem britischen Theaterstar öffentlich zu inszenieren, was ihm sogar gelang und einen ausverkauften Konzertsaal bescherte.

Der Abend der Uraufführung

Die Uraufführung am 5. Dezember 1830 war ein voll Erfolg. Die Gründe dafür mögen vielschichtig sein, doch vermutlich liegen sie in der Konzeption des Werkes. Berlioz wusste zu überraschen und empfing das Publikum mit einem Programmzettel, wo die abstrakte Liebesgeschichte seiner eigenen Person mit der britischen Schauspielerin als Vorlage und literarische Beschreibung der Symphonie dienen sollte. Damit lenkte er die Empfindungen des Publikums von Anfang an zu seinen Gunsten. Dazu überraschte er auch musikalisch durch seine revolutionären Neuerungen und Ideen für die Instrumentalmusik.

„Der Zettel“

Berlioz war sozusagen der Erfinder der Programmmusik, einer neuen Gattung. Dieses Werk, das der junge 26-jährige Franzose schuf, war derart neu, sodass er sich verpflichtet fühlte, nach einem bewussten Brechen mit Gattungsgrenzen und Konventionen, eine Erklärung zu liefern. Er wollte gewissermaßen eine Legitimation des Stückes für den französischen Konzertsaal des 19. Jahrhunderts geben. So etwas hatte es noch nie gegeben: Literatur in Form einer Szenenbeschreibung der einzelnen Sätze mit reiner Instrumentalmusik zu verbinden. Der „Zettel“ lieferte das Form gebende Element für die Symphonie, die eben nicht wie eine typische Symphonie im Beethovenschen Sinne aufgebaut wurde.Das Programm hatte auch eine schöpferische Funktion. Es beschreibt den Gehalt im Hörerlebnis und soll zu einer Fülle an Assoziationen anregen. Man durchlebt als Hörer den Prozess der Hauptperson selbst durch, vergleichbar mit einem mitreißenden Film. Dazu diente Berlioz kein Komponist als Vorbild, sondern Literaten, im genaueren William Shakespeare oder Victor Hugo.

Das zentrale Motiv der Symphonie Fantastique von Hector Berlioz
Die Idée fixe von Hector Berlioz

Die Idée fixe

Berlioz nahm ein Thema zur Hand, dass die Geliebte des Künstlers, der die Hauptperson darstellte, symbolisieren sollte. Diese Idée fixe verfolgt den Künstler zuerst verliebt und hoffnungsvoll, doch in späteren Sätzen tritt sie immer düsterer und verzerrter auf. Dabei verwendete Berlioz die Technik des semantischen Erinnerungsmotivs von der Oper und übertrug das System auf die Instrumentalmusik – eine Neuheit. Dieses Erinnerungsmotiv – eine Melodie aus vier bis acht Takten – kommt in allen Sätzen vor und zeigt Stationen im Formverlauf dar. Allerdings entwickelt Berlioz das Motiv nicht weiter oder arbeitet kompositorisch damit, wie es traditionell üblich wäre, sondern es tritt in immer neuen Kombinationen mit anderen Motiven der einzelnen Sätze auf und wird bis zum Schluss hin verstümmelt und verzerrt.

Die Geschichte in 5 Sätzen

  1. Träumereien und Leidenschaften: Es geht um einen jungen Künstler (Berlioz selbst), der von einer frischen jungen Liebe verzehrt wird und in der Unbestimmtheit der Leidenschaften schwebt.
  2. Ein Ball: Der Künstler befindet sich mitten in dem Tumult eines Balles, wo die Geliebte ihm immer wieder begegnet und nicht loslässt.
  3. Szene auf dem Lande: Der anfänglich beruhigende Frieden auf dem Lande wird getrübt von dunklen Vorahnungen bis die Sonne untergeht und düsteres Donnergrollen übrig bleibt.
  4. Gang zum Richtplatz: In seiner Verzweiflung vergiftet, träumt er im Opiumrausch er habe die Geliebte getötet und wohnt nun seiner eigenen Hinrichtung bei.
  5. Hexensabbat: Der Künstler befindet sich auf einer Totenfeier inmitten von Geistern, Ungeheuern, Hexen und seiner Geliebten, die an der teuflischen Orgie teilnimmt.

3 Programmtipps

  1. Leonard Bernstein spricht in einer Folge der „Young People’s Concerts“ über Hector Berlioz‘ Symphonie fantastique
  2. Dazu dirigiert Bernstein das Werk am Théâtre des Champs-Elysées in Paris
  3. Zum Vergleich erleben sie die Interpretation von Daniel Barenboim mit dem West-Eastern-Divan-Orchestra

Erfahren Sie mehr über Hector Berlioz‘ Leben in diesem Blog-Beitrag und lernen Sie sein Werk kennen HIER

 

Ihr Florestan

Könnte Ihnen auch gefallen

200 Jahre Clara Schumann

wolfgang wagner

100 Jahre Wolfgang Wagner

Dirigent mit Brille am Dirigentenpult

7 kuriose Fakten über Karl Böhm

Franz Welser-Möst: Ein Portrait

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.