Die Kunst des Belcanto

Was heißt eigentlich „Belcanto“? Übersetzt aus dem italienischen wohl einfach „schöner Gesang“. Warum gibt es dann aber sog. „Belcanto-Opern“? Sollte denn nicht in allen Opern schön gesungen werden? Ist es also doch nur ein Gesangsstil oder vielleicht sogar eine Gesangstechnik? Der Begriff verlangt nach Erklärung…

Mit der Oper kommt auch der Belcanto

Nach ersten Versuchen der sog. camerata fiorentina, eines Künstler-Kollektivs, welches sich in Florenz die Erfindung der Oper zum Ziel erkoren hatte, verhilft schließlich Claudio Monteverdi der neuen Gattung der Oper mit „L’Orfeo“ (1607) zu einer ersten Blüte. Die noch in der Renaissance vorherrschende Mehrstimmigkeit, muss dem neuen Ideal eines frei gestaltenden Solo-Sängers, welcher mit seinen Gefühlen nun im Mittelpunkt künstlerischen Interesses steht, weichen. Mit dem Beginn des solistischen Gesangs vor allem in der Oper ergab sich die Forderung nach einer eleganten und schönen Manier des Singens, welche der Musik mit verschiedenen stimmlichen Farben den passenden Ausdruck verleihen soll. Da es damals vor allem auch um die Kunst des Verzierens von Gesangslinien ging, nannte man dies damals noch canto fiorito (ital. „blumigen Gesang“). Hiervon gibt der Countertenor Carlo Vistoli mit „Sogni, portate a volo“ aus Monteverdis „L’incoronazione di Poppea“ auf fidelio ein beeindruckendes Beispiel.

Belcanto verlangt nach Gesangstechnik

Im Laufe der Geschichte der Oper entwickelt sich aus den stilistischen Ansprüchen an den Sänger eine eigene Gesangstechnik. Maria Callas, eine wahre Meisterin dieser Kunst, beschreibt dies folgendermaßen: „Bel canto does not mean beautiful singing alone. It is, rather, the technique demanded by the composers of this style. There is no excuse for not having a trill, for not doing the acciaccatura, for not having good scales… Look at your scores! There are technical things written there to be performed, and they must be performed whether you like it or not… When you interpret a role, you have to have a thousand colors.” Die immer weitere getriebene technische Meisterschaft im klassischen Singen findet  um 1830 ihren Höhepunkt. Um die Schwierigkeiten der Musik dieser Zeit mit der geforderten Leichtigkeit zu meistern bedarf es eines perfekten Ausgleichs der verschiedenen stimmlichen Register (Kopf- und Bruststimme), welcher nur durch jahrelanges Training erreicht werden kann.

Belcanto als Epoche

Der im vorigen Abschnitt angekündigt Höhepunkt der italienischen Gesangsoper, welcher eine über 200 Jahre alte Geschichte vollendet, wird als eigene Epoche der Operngeschichte als „Belcanto“ bezeichnet. Deren wichtigste Vertreter Rossini, Donizetti und Bellini haben Werke geschaffen, welche vom Sänger/der Sängerin höchstmögliche stimmliche Flexibilität und eine stets lyrisch weiche Stimmgebung verlangen,was vor allem die vielen komponierten Koloraturen und lange legato Phrasen eindrucksvoll demonstrieren. Weltberühmte Arien umfassen „Casta Diva“ aus Bellinis „Norma“ auf fidelio gesungen von Edita Gruberova oder „Una furtiva lagrima“ aus Donizettis „L’elesir d’amore“.

Das Ende des Belcanto

Auch Giuseppe Verdi steht in seinem frühen und mittleren Schaffen (z. B. „Un giorno di regno“) noch ganz in der Tradition des Belcanto und entwickelt es allmählich zu seinem eigenen Stil weiter: Die gesangliche Kunstfertigkeit tritt in den Hintergrund und die dramatische Aussagekraft der Handlung wird immer wichtiger. Allgemein gesprochen geht in Italien das Belcanto  in den Verismo über, deren berühmteste Beispiele Mascagnis „Cavalleria rusticana“, Leoncavallos „Pagliacci“ und Puccinis „Tosca“ sind. Hier muss das Singen nicht mehr nur „schön“ sein, sondern darf auch, der Dramatik der Handlung entsprechend, ganz in den Gefühlen aufgehen und bisweilen sogar „grässlich“ klingen. 1858 attestiert schließlich Rossini das Ende des Belcanto,  vermutlich  sogar im dreifachen Sinne: „Ahinoi, abbiamo perso il nostro bel canto“ („Ach nein, wir  haben unsern Belcanto verloren.“).

Auf fidelio finden Sie eine wunderbare Auswahl an Opern, welche dem Belcanto zuzuordnen sind, in der gleichnamigen Themenreihe. Benutzen Sie auch die Highlightanzeige und springen Sie so direkt zu Ihren Lieblingsarien. Viel Spaß dabei wünscht…

Ihr Florestan.

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