Internationales Brucknerfest Linz 2020

Von 4. September, Anton Bruckners Geburtstag, bis 11. Oktober, seinem Sterbetag, findet wieder das jährliche Internationale Brucknerfest 2020 in Linz statt, diesmal unter dem Motto „Kontroverse – Bruckner und seine Zeit(genossen)“. Vor dem Hintergrund des musikalischen Streits zwischen „Neutönern“ und „konservativen“ Komponisten, in den auch Brahms und Bruckner mit hineingezogen wurden, steht das Schaffen dieser beiden Antipoden im Mittelpunkt des Programms. Stars wie Kit Armstrong, Wolfgang Böck, Rudolf Buchbinder, Christoph von Dohnanyi, Martin Haselböck, Sharon Kam, Mauro Peter, Markus Poschner oder Christoph Spering garantieren höchste Qualität.

Pianist am Cembalo

Die Musikgeschichte kennt mehrere Kontroversen, die heftig und mit großer Leidenschaft ausgetragen wurden. So waren beispielsweise Claudio Monteverdi und Giovanni M. Artusi zu Beginn des 17. Jahrhunderts Kontrahenten einer Debatte über das „richtige“ Komponieren. Im 18. Jahrhundert kam es in Paris zum Streit zwischen „Gluckisten“ und „Piccinisten“, und noch in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts diffamierten die Vertreter der Avantgarde alles, was nicht den strengen Dogmen des seriellen Komponierens genügte, als reaktionär. Eine besonders leidenschaftliche Auseinandersetzung prägte auch das letzte Drittel des 19. Jahrhunderts. Dabei standen sich „Neutöner“ und „Akademiker“ als Kontrahenten gegenüber. Zwar galt beiden Fraktionen Beethoven als Vorbild, doch wie mit dessen Erbe umzugehen sei, darüber waren sie geteilter Meinung. Während die „Neutöner“ um Liszt, Berlioz und Wagner in der symphonischen Dichtung, in der Programmsinfonie beziehungsweise im Musikdrama die musikalische Zukunft sahen, vertraten die „Akademiker“ die Ansicht, Instrumentalmusik sei nichts Anderes als eine „tönend bewegte Form“, wie es Wiens Kritikerpabst Eduard Hanslick formulierte.  Außermusikalische Inhalte seien daher ungeeignet, instrumentaler Musik als Programm zugrunde gelegt zu werden. Diese Fraktion ernannte Brahms zu ihrer Gallionsfigur.

Unter dem Motto „Kontroverse – Bruckner und seine Zeit(genossen)“ macht das Internationale Brucknerfest Linz 2020 diese musikhistorisch bedeutsame Auseinandersetzung zum Thema. Die 27 Veranstaltungen, die zwischen 4. September und 11. Oktober stattfinden, zeichnen dabei ein musikalisches Porträt Wiens im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts. Denn in dieser Zeit hatte nicht nur Johannes Brahms in Wien seinen festen Wohnsitz, auch Anton Bruckner übersiedelte 1868 von Linz in die Kaisermetropole. Dass sie sich persönlich nicht mochten ist bezeugt. Aber vertraten sie auch diametral entgegengesetzte Positionen?  Immerhin komponierte Bruckner, ähnlich wie Brahms, Sinfonien, denen kein explizites Programm zugrunde lag. Spätestens nach seiner 3. Sinfonie jedoch, in der er sich als Wagnerianer zu erkennen gegeben hatte, wurde auch Bruckner den „Neutönern“ zugeordnet. Ob die Fronten aber wirklich so eindeutig verliefen, wird das Brucknerfest möglicherweise klären helfen.

KLarinestistin mit Instrument in der Hand
Kam Sharon ©Nancy Horrowitz

In mehreren Konzerten stehen sich Brahms und Buckner direkt gegenüber, in den Orchesterkonzerten sogar mit Werken bzw. Werkfassungen, die annähernd zur gleichen Zeit entstanden sind. So bringt das Bruckner Orchester Linz unter Markus Poschner im ersten ihrer beiden Konzerte Brahms 3. und Bruckners 6. Sinfonie (13. 9.), im zweiten Bruckners Dritte und Brahms‘ Zweite zur Aufführung (24. 9.) Pietari Inkinen, der heuer mit Wagners Ring des Nibelungen in Bayreuth hätte debütieren sollen, nimmt sich im Rahmen der Klassischen Klangwolke der 4. Sinfonie von Brahms und Bruckners Siebenter an (19. 9.). Auf Originalinstrumenten, gespielt vom Le Cercle de l’Harmonie unter Jérémie Rhorer, erklingen die 1. Sinfonie von Brahms und Bruckners Zweite (3. 10.). Auch in einigen Kirchenkonzerten kommen Werke der beiden Kontrahenten zu Gehör, etwa im Konzert des englischen Spitzenensembles The Sixteen am 26. 9. im Mariendom oder beim Auftritt des weltweit gefeierten Tenebrae Choir am 18. 9. im Alten Dom. An diesem Abend steht außerdem der Cantus Missae von Josef Gabriel Rheinberger auf dem Programm, der lange Zeit als die „schönste reine Vokalmesse des 19. Jahrhunderts“ galt. Auch andere Komponisten, die einer der beiden Fraktionen zugeordnet werden können, sind im Programm des Brucknerfests vertreten: Der Brahms-Freund Robert Fuchs etwa seiner 2. Serenade, gespielt von der Festival Sinfonietta Linz unter Howard Griffiths (27. 9.), oder Liszt mit der Dante-Sinfonie unter Martin Haselböck (7. 10.).

Opernsänger mit altem Mikrofon

Lang ist die Liste internationaler Stars, die beim Brucknerfest 2020 gastieren: Mauro Peter gibt einen Liederabend (15. 9.), Thomas Quasthoff präsentiert sein neues Jazz-Programm FOR YOU (17. 9.), die Weltklasseklarinettistin Sharon Kam spielt Reinecke, Brahms und Gade (25. 9.), Rudolf Buchbinder holt mit den Diabelli-Variationen einen Klavierabend nach, der im April dem Corona-Lock-Down zum Opfer gefallen war, Kit Armstrong präsentiert sich an einem Abend als Pianist und als Organist (5. 10.) und schließlich stellen das Minguett Quartett mit Starbratschist Gérard Caussé in einem Kammerkonzert noch einmal Brahms und Bruckner einander gegenüber (8. 10.) Ein besonderer Höhepunkt verspricht das Abschlusskonzert in der Stiftsbasilika St. Florian zu werden. Christoph von Dohnányi wird mit dem Bruckner Orchester Linz sowie den Solisten Jacquelyn Wagner und Michael Volle an Bruckners Todestag über dessen Sarkophag das Deutsche Requiem seines Rivalen Brahms aufführen (11. 10.).

Peter Blaha / Brucknerfest

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