Wie zwei Katzen, die miteinander spielen

Daniel Barenboim und Martha Argerich spielten bei der Mozartwoche 2021 vier-händig am Klavier. Das Konzert können Sie hier nachsehen.

Maestro Barenboim, Sie gastieren bei der Mozartwoche mit drei Programmen im Großen Festspielhaus. Wie groß ist aktuell Ihre Hoffnung, dass diese Konzerte wieder vor einem vollbesetzten Saal stattfinden können?

Daniel Barenboim: Ich rechne damit… ich rechne damit! Die Frage ist, ob ich gut rechnen kann oder nicht.

Was stört Sie im Moment mehr: die vergleichsweise kleine Schar an Zuschauern oder die Beschränkungen, die den Orchestern, Musikerinnen und Musikern hinsichtlich der Abstandsregeln auferlegt werden?

Beides, weil künstlerisch nicht nur die Anzahl der Musiker entscheidend ist, sondern auch, wie sie sitzen. Man sagt, es sollen anderthalb Meter Abstand zwischen den Streichern und zwei Meter zwischen den Bläsern sein. Das ist eine individuelle Sache: Meiner persönlichen Meinung nach stört der Abstand zwischen den Bläsern nicht, da jeder ja seine eigene Stimme spielt. Das heißt, wenn die zweite Flöte oder die zweite Oboe – alle zweiten Holzbläserstimmen – in etwas größerer Entfernung zur ersten Stimme sitzen, spielen sie eigentlich etwas mehr und übernehmen mehr Verantwortung. Und das ist gut! Sonst spielen sie wie eine zweite Stimme – jetzt spielen sie wie eine andere Stimme. Dagegen stört mich der Abstand bei den Streichern sehr, aber das ist sehr individuell; es gibt Dirigenten, die es bei den Bläsern mehr stört. Mich stört es so wahnsinnig, dass ich es nicht mache. Es ist nicht nur der Abstand, sondern auch die Tatsache, dass jeder Streicher an einem einzelnen Pult spielen muss. Dadurch geht ein großer Teil der Homogenität verloren. Denn wenn zwei Kollegen an einem Pult sitzen, auch wenn sie etwas weiter voneinander entfernt sitzen, entsteht ein gemeinsames körperliches Musizieren, und das fällt weg in dem Moment, wo jeder einzeln an einem Pult sitzt. Aber ich sage Ihnen, es gibt Dirigenten, die genau umgekehrt darüber denken. Sie fühlen sich gestört von den Abständen bei den Bläsern, denn es ist schwerer zu dirigieren. Mich stört das nicht, ich habe eine andere Art und Weise, darüber zu denken.

Sie haben zu Beginn der Krise gesagt, dass Sie der Situation auch Gutes abgewinnen können. Sie schlafen viel, haben viel Zeit, Klavier zu spielen. Wie lange hat es gedauert, bis Ihnen das nicht mehr gereicht hat?

Also, mehr zu schlafen ist etwas, das ich mir eigentlich immer wünsche. Aber nein, dadurch, dass ich keine Verpflichtungen mehr hatte, war einfach eine gewisse Ruhe in mein Leben eingekehrt. Dann habe ich angefangen, andere Dinge zu machen. Ich schäme mich zu sagen, dass ich mich gut fühle, denn ich sehe so viele Menschen, die leiden. Bekannte, Freunde und Unbekannte. Aber ich persönlich habe in der Pandemie bislang nicht gelitten.

Ihr Freund Rolando Villazón sagte in einem Interview im Juni, die Gesundheit allein sei nicht das höchste Ideal oder Gut des Menschen, es müsse auch wieder um Freiheit und Gerechtigkeit gehen. Geben Sie ihm Recht?

Absolut. Die wichtigste Reaktion auf das Virus muss die Gesundheit sein. Das ist klar, ich glaube, dem würde er auch zustimmen. Danach kommt im Moment nur das Wirtschaftliche und das ist nicht genügend. Er hat recht, Menschenrechte und Kultur überhaupt – wir leben in einer geistlosen Zeit. Das stört mich, das macht mir große Sorgen. Nicht nur mit Bezug auf Musik, Konzerte oder Orchester und so weiter, sondern überhaupt, wie wertvoll die Kultur war und wie viel weniger wert sie jetzt ist. Das müsste man eigentlich klar sagen können.

Ein Festival zu planen erscheint unter den aktuellen Umständen wie eine Rechnung mit zahllosen Unbekannten. Sie gehören seit Beginn von Rolando Villazóns Intendanz mit Ihren Auftritten zu den wichtigsten Säulen der Mozartwoche in Salzburg. Hatten Sie Gelegenheit, ihn jetzt zu unterstützen?

Ja, ich spreche regelmäßig mit ihm.

Von den drei Programmen, die Sie 2021 spielen können, ist eines der gemeinsame Klavierabend mit Martha Argerich. Sie kennen einander seit rund 70 Jahren, fast ein ganzes Menschenleben lang. Sie treten allerdings erst seit Mitte der 1990er-Jahre gemeinsam auf, ganz intensiv seit ungefähr zehn Jahren. Weshalb hat es so lange gedauert?

Ich kenne und verehre Martha seit 1949, also seit 71 Jahren. Ich kenne sie und habe sie die ganze Zeit geliebt, in jeder Hinsicht. Aber jeder muss seinen Weg gehen. Mein Leben hat mich woanders hingeführt als sie. Musikalisch und persönlich ist es für mich die größte Freude, dass wir jetzt regelmäßig und so oft wie möglich gemeinsam musizieren.

Sie sagten einmal, die gemeinsamen Klavierabende mit Martha Argerich seien für Sie die schönsten Konzerte überhaupt. Was macht das Zusammenspiel mit ihr so besonders?

Erstens: dass sie so wunderbar spielt. Es gibt für mich heutzutage niemanden auf der Welt, der so gut spielt wie sie. Sie hat auch eine große Flexibilität. Sie hat nicht eine Sekunde in all den Proben, die wir hatten, versucht, mich zu etwas zu zwingen: Wenn sie eine gute Idee hatte, bin ich ihr gefolgt, und wenn ich eine gute Idee hatte, ist sie ihr gefolgt. Es ist einfach wie zwei Katzen, die miteinander spielen.

Noch im letzten Jahr sagte Martha Argerich in einem Interview, Mozart zu spielen löse bei ihr bis heute gewisse Ängste beim Auftreten aus. Können Sie das verstehen und wenn ja, was hilft dagegen?

Ja, Artur Schnabel hat das so beschrieben: Das Problem mit Mozart ist, er ist zu leicht für Kinder und zu schwer für Erwachsene. Da ist was dran, denn die Musik hat eine etwas unschuldige Dimension. Nicht immer und nicht nur. Leute, die das nur so spielen, gehen nicht in die Tiefe. Aber es bleibt eine sehr klare und direkte Dimension. Wenn Schnabel sagt, es ist zu schwer für Erwachsene, dann meint er, glaube ich, das. Für Erwachsene ist diese Einfachheit und dieses Unschuldige zu schwer. Nicht, dass es kindisch ist. Das haben andere Komponisten ebenfalls, in gewissen Momenten. Ich denke da auch an einige Momente in Beethoven-Klaviersonaten, wo es wirklich unschuldig klingen muss. Und das war die Größe von Edwin Fischer, das hat er ausgedrückt wie kein anderer Pianist – damals und bis heute. Es klang wirklich wie ein Beschreiben durch ein Kind. Das ist bei Mozart sehr wichtig. Auch mit der ganzen Leidenschaft in den Opern, mit der ganzen Erotik, die da ist. Das ist eine sehr komplexe Mischung.

Und was hilft dann gegen die Angst?

Vielleicht, das zu verstehen.

Das Interview führte Janis El-Bira und erschien in den Salzburger Nachrichten.

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