94 Sekunden neuer Mozart

Die Mozartwoche präsentiert erstmalig ein neu entdecktes Mozartstück

Wer hätte nicht schon einmal davon geträumt, auf einem Dachboden, einem Flohmarkt oder auch in einer Bibliothek eine bislang unbeachtete Originalhandschrift eines großen Meisters zu finden? Die Wahrscheinlichkeit für solche Funde geht bei Bach, Beethoven oder Mozart gegen null; ja, es gibt wohl kaum einen großen Komponisten, über dessen Gesamtschaffen wir einen so präzisen Überblick haben wie über Wolfgang Amadé Mozart. Denn schon 1768 hat sein Vater Leopold ein „Verzeichnis alles desjenigen, was dieser 12jährige Knabe seit seinem 7ten Jahre componiert [hat]“, angelegt, und von Februar 1784 bis zu seinem Tod am 5. Dezember 1791 hat Mozart selbst ein „Verzeichnüss aller meiner Werke“ geführt. Zudem blieben fast alle Originalpartituren zunächst im Besitz der Familie und wurden dann rasch nach ihrem historischen, später dann auch nach ihrem materiellen Wert geschätzt. Fast alle der 25.000 Seiten, die Mozart in seinem kurzen Leben mit Noten beschrieben hat, sind daher bis heute erhalten geblieben sind. Seit der Zeit um 1900 befinden sich die meisten davon in öffentlich zugänglichen Sammlungen.

Wie gründlich Ludwig Ritter von Köchel, der Autor des nach ihm benannten Verzeichnisses der Werke Mozarts gearbeitet hat, zeigt sich daran, dass seit dem Erscheinen der ersten Auflage von 1862 nur ganz wenige zweifellos echte Kompositionen, die er unter seinen 626 Nummern – vom angeblich ersten Menuett bis zum Requiem – noch nicht aufgezählt hatte, wieder zum Vorschein gekommen sind. Ganz überwiegend handelt es sich dabei um Kompositionen, deren einstige Existenz bekannt war, weil sie beispielsweise in der Korrespondenz der Familie erwähnt wurden und als verloren galten – und schließlich doch wieder aufgefunden wurden. So tauchte beispielsweise ein einziges Blatt aus der Arie „Die neugeborne Ros’ entzückt“ KV 365a 1990 aus dem Nichts auf, und vor wenigen Jahren konnte in Prag das „Freudenlied“ auf die Genesung der Sängerin Nancy Storace KV 477a wiederaufgefunden werden. Diese beiden Stücke sind aber Fragmente: Im Falle der Arie fehlen Anfang und Schluss, beim Freudenlied sind nur Singstimme und Bass in einer zeitgenössischen gedruckten Ausgabe, nicht aber die instrumentalen Begleitstimmen erhalten, sodass sie das Konzertrepertoire nicht bereichern können.

Bis zur Entdeckung vollständiger, unzweifelhaft echter Kompositionen muss man hingegen weit zurückgehen: Im Mozart-Jahr 1956 konnten die vier ersten Klavierstücke Mozarts KV 1a–1d, die um 1800 aus dem sogenannten Nannerl-Notenbuch herausgelöst worden waren, vorgestellt werden. 1937 identifizierte man in Zürich das Klavierstück in F KV 33B als ein Autograph des 10-jährigen Mozart.

Es war, wir geben es zu, kein Finderglück, sondern reines Glück (und sicherlich auch die über bald zwei Jahrhunderte erarbeitete Reputation als Bewahrer des Erbe Mozarts), dass der Stiftung Mozarteum vor der Corona-Krise aus Privatbesitz ein Mozart-Autograph zum Kauf angeboten wurde. Es hatte sich seit Ende der 1920er-Jahre in niederländisch-französischem Privatbesitz gefunden. Die Eigentümer sahen die Stiftung Mozarteum Salzburg als den legitimen Aufbewahrungsort an und verzichteten daher darauf, das Blatt auf eine Auktion zu geben, bei der es wiederum in Privatbesitz übergegangen wäre. Nach gründlicher Prüfung, zu der neben den wissenschaftlichen Mitarbeitern der Stiftung auch vier anerkannte Mozart-Experten aus den USA und Deutschland gehörten, stand die Echtheit des Blattes außer Frage: Bei dem angebotenen Werk handelt es sich um ein bislang völlig unbekanntes, von Wolfgang Amadé Mozart eigenhändig niedergeschriebenes Klavierstück!

Der Entstehungszeitraum des undatierten Blattes lässt sich anhand des charakteristischen Schriftbildes inzwischen auf wenige Monate eingrenzen: Mozart hat die Komposition höchstwahrscheinlich mit 17 Jahren Anfang 1773 am Ende seiner dritten Italienreise oder unmittelbar nach der Rückkehr nach Salzburg aufgeschrieben. Das „unbekannte“ Stück ist im Übrigen im Köchel-Verzeichnis seit der 3. Auflage von 1937 angeführt, nämlich als eine bloße Notiz mit der Nummer KV 626b/16 unter solchen Kompositionen, über die nichts Näheres (außer einer Notiz in einem Auktionskatalog) bekannt war. Das Autograph wurde nämlich zwischen 1900 und 1928 mehrfach auf Auktionen angeboten, aber nie von WissenschaftlernInnen untersucht, sodass der genaue Inhalt bis heute unbekannt blieb.

Die Gäste unserer Mozartwoche sind damit in der privilegierten, wahrscheinlich einmaligen Situation, dabei zu sein, wenn mit dem Allegro in D KV 626b/16 zum ersten Mal seit langer Zeit ein gänzlich unbekanntes Werk von Wolfgang Amadé Mozart der Öffentlichkeit vorgestellt wird. Das dreiteilige, tanzartige Allegro in D weist zwar nur eine Spieldauer von eineinhalb Minuten auf, aber es wirft auch Fragen auf, die so rasch nicht zu beantworten sind: Was sind die Hintergründe der Komposition? Wie ordnet sie sich in das Schaffen Mozarts ein? Wie erklären sich die Besonderheiten des Klaviersatzes? Was verrät uns die Überlieferung über die Entstehung? Diesen und anderen Fragen widmen sich gleich zu Beginn der Mozartwoche 2021 Ulrich Leisinger, der wissenschaftliche Leiter der Stiftung Mozarteum Salzburg, und der amerikanische Pianist Robert Levin, der gleichermaßen als Mozart-Forscher wie als Mozart-Interpret anerkannt ist und seit Jahrzehnten zu den Stars der Mozartwoche zählt. Als eine dauerhafte Erinnerung an diesen besonderen Nachmittag wurde eine Faksimileausgabe dieses außergewöhnlichen Autographs erstellt, die am Konzerttag in den Handel kommt.

Text: Ulrich Leisinger

Robert Levin (Klavier)

Der amerikanische Pianist Robert Levin konzertiert weltweit mit renommierten Orchestern und Dirigenten, wobei sein Name vor allem für die Wiederbelebung der Praxis der improvisierten Kadenzen und Verzierungen in der Wiener Klassik steht. Neben seiner Konzerttätigkeit ist Robert Levin Musiktheoretiker und Mitglied der Akademie für Mozart-Forschung der Stiftung Mozarteum Salzburg. Seit 1984 tritt er regelmäßig im Rahmen der Mozartwoche auf. Seine Ergänzungen zu unvollendeten Kompositionen Mozarts sind bei großen Verlagen veröffentlicht, auf Tonträger eingespielt und weltweit aufgeführt worden. Robert Levin hat eine Gastprofessur an der Juilliard School New York inne.

Ulrich Leisinger

Ulrich Leisinger ist seit 2005 Leiter des wissenschaftlichen Bereichs an der Stiftung Mozarteum Salzburg und damit Arbeitsstellenleiter für die Neue Mozart-Ausgabe sowie Projektleiter für das Nachfolgeprojekt Digitale Mozart-Edition. Er studierte Musikwissenschaft, Philosophie sowie Mathematik in Freiburg, Brüssel, Heidelberg und absolvierte ein Postdoctorate an der Harvard University. Seine wissenschaftliche Expertise führte ihn u. a. an das Bach-Archiv Leipzig und an die Cornell University in Ithaca, New York.

Georgina Melville

Georgina Melville wurde auf Barbados geboren und studierte an der Universität für Musik und Darstellende Kunst Wien. Sie war Mitglied des Opernstudios der Komischen Oper Berlin, gewann den Ersten Preis der Freunde der Wiener Staatsoper und war Stipendiatin der Georg Solti Accademia. In der Spielzeit 2020/21 ist sie Ensemblemitglied des Staatstheaters Cottbus.

Sehen Sie die Weltpremiere dieses neuen Mozarts an seinem Geburtstag am 27.1. um 18:00 Uhr auf fidelio.

Ihre Leonore (Quelle: Stiftung Mozarteum)

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